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Im Flow wie ein Kind – aber wie? Forschung zum Flow-Zustand

  • Beitrags-Kategorie:Blog / Lernen & Methodik
  • Lesedauer:4 min Lesezeit

Als Flow bezeichnen die Forscher diesen scheinbar magischen Zustand, wenn der Mensch voll in seiner Tätigkeit versinkt. Man ist sozusagen «eins» mit dem Surfbrett, mit dem Musikinstrument, überhaupt mit dem Moment. Neurologisch gesehen ist dabei die Selbstreflexion weniger aktiv, d.h. man hinterfragt die eigene Aktivität nicht, sondern führt einfach aus.

Produktivitäts-Junkies versuchen alles, um möglichst viel und möglichst lang im Flow-Zustand zu verweilen. Die Medizin entdeckt langsam die positiven Wirkungen des Flows auf unsere physische und psychische Gesundheit. Und wir Musiker und Musikpädagogen fragen uns natürlich: Wie ist es mit dem Flow beim Spielen und beim Üben?

Die goldene Mitte – da ist der Flow

Es gibt viele Faktoren, die den Flow-Zustand begünstigen. Der wohl wichtigste ist die Gratwanderung zwischen Unter- und Überforderung. Wenn dich deine Tätigkeit langweilt, fängst du an, an andere Dinge zu denken, das Dranbleiben fühlt sich ärgerlich an, die innere «Befragung» läuft an und der Flow-Zustand ist Vergangenheit. Auf der anderen Seite: Wenn die Tätigkeit zu schwierig ist, fangen die Selbstschutz-Mechanismen an, den Moment abzuwehren. Stress macht sich breit und der Flow scheint unerreichbar.

Irgendwo dazwischen liegt die goldene Mitte: Wenn dich die Aktivität leicht fordert, ohne dein Gehirn übermässig zu beanspruchen, dann surfst du die Flow-Welle. Du vergisst die Zeit und du kommst richtig gut voran.

Aufs Klavier-Spielen angewendet: Die Wahl der Stücke und der Übungen ist der Schlüssel. Wähle Material, das zu deinem Niveau passt. Sei ehrlich zu dir selbst und überfordere dich nicht. Weitere Faktoren sind hier auch die Übe-Frequenz und -Dauer. Damit kannst du bei schwierigeren Stücken die Überforderung regulieren.

Kinder machen das in der Regel automatisch. Wenn ihnen langweilig ist, suchen sie sich was neues. Wenn es zu schwierig ist, suchen sie sich was neues. Wenn es genau passt, können sie für längere Zeit darin versinken. Wir Erwachsene sind da oft etwas «kompliziert». Wir zwingen uns, an zu schwierigen Dingen dran zu bleiben, weil es «Sinn macht» – anstatt die Wellen des Flows zu surfen.

Überforderung vermeiden, Frustration erlauben

Ein zweiter Lernpunkt aus der Flow-Forschung ist: konstanter Flow ist unmöglich. Der angestrebte Zustand kommt und geht in Wellen, oder besser gesagt in Phasen, ähnlich wie die Jahreszeiten.

Da der Flow nie in der Komfort-Zone stattfindet (das wäre langweilig), erfordert er ein stetiges Lernen. Wir müssen unser Gehirn immer wieder «überladen», um die Wellen surfen zu können. Wenn der bekannte, erstrebenswerte Flow-Zustand der «Herbst» der Flow-Phasen ist, dann ist Frust so etwas wie der «Frühling».

Hier die vier Phasen des Flows:

  1. Herbst: Während des Flows sammelst du Motivation, es tut gut.
  2. Irgendwann ist die Flow-Welle vorbei und es kommt der Winter – du erholst dich und dein Unterbewusstsein integriert. Meditation, Spaziergänge, Schlaf und andere wenig anspruchsvolle Tätigkeiten sind angesagt.
  3. Frühling: Nach der Erholung hast du genug Energie, um deine Grenzen wieder ins Unbekannte zu pushen. Du fängst was Neues an und es ist anfangs schwierig. Frust ist oft mit dabei, aber das macht nichts.
  4. Irgendwann sagt dein Hirn «Stop» und du lässt los. Der Sommer ist die Phase des Loslassens. All die neu angelernten Dinge müssen noch nicht voll perfektioniert sein. Das Unterbewusstsein übernimmt hier wieder das Steuer. Und dann kann der Flow wieder kommen und der Kreis schliesst sich.

Am Klavier geht es also auch darum, dosiert(!) immer wieder neues Material anzufassen. Sich immer wieder heraus zu fordern. Und dann auch wieder loszulassen und zu vertrauen, dass dein Gehirn die Lektionen mit der Zeit selbst verinnerlicht.

Wenn dich das Thema Flow interessiert kann ich dir zwei Quellen empfehlen. Einerseits gibt es das Buch «Art of Impossible» von Steven Kotler. Soviel ich weiss gibt es das Buch nur auf Englisch, es ist aber das Aktuellste, was es momentan gibt und es lohnt sich. Die zweite Goldmine ist die Forschungsarbeit von Manuela Marin, die den Flow-Zustand auch spezifisch in der Musik untersucht hat.

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Artemi

Als Klavierlehrer ist Artemi leidenschaftlich dabei, das Know-How um das freie Klavierspiel für alle Tastenbegeisterte frei zugänglich zu machen. Jede und jeder soll Klavier spielen lernen können – kostenfrei und unkompliziert. > mehr über Artemi

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Mathias

    Lieber Artemi,
    Du bringst es super auf den Punkt. Danke für die simplen doch potenten Botschaften!
    Mathias

  2. Benno

    Ein richtig guter Artikel, lohnt sich zu lesen.
    danke

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