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Noten in Akkorde ‚umwandeln‘? So erkennst du Akkorde in den Noten

Akkorde sind in vielen Stücken gar nicht notiert, deswegen kann es vorkommen, dass du deine Noten in Akkorde umwandeln willst. Warum? Weil es einige Stücke gibt, die nach Akkorden viel einfacher zu spielen sind, als nach Noten. Wie das geht, schauen wir uns in diesem Artikel an.

Akkorde in Notenschrift erkennen: das Vorgehen

Noten in Akkorde umwandeln ist grundsätzlich simpel: Ich schaue mir die Töne an, die «gleichzeitig» gespielt werden und ordne sie für mich so um, dass sich ein Akkord erkennen lässt.

Die drei grössten Stolpersteine dabei sind:

  1. Gleichzeitig ist nicht immer gleichzeitig: Töne werden oft nacheinander gespielt, Akkorde werden rhythmisch «gebrochen» – die Challenge hier ist, rauszufinden wo der letzte Akkord aufhört und der nächste anfängt.
  2. Nicht alle Töne sind gleich wichtig. So muss auf Akzente, Notendauer, Phrasierung etc. geachtet werden.
  3. Es gibt mehrere Deutungen für Akkorde, speziell für erweiterte Akkorde gibt es viele Varianten. Oft muss man sich aufs Gehör verlassen und auch entscheiden, wie genau man Erweiterungen transkribieren will.

Und natürlich zählt hier die Erfahrung am meisten: Wenn du noch nie probiert hast, Akkorde rauszuschreiben, wird es für dich sehr schwierig sein; wenn du hingegen alle gängigen Akkorde in- und auswendig kennst, mit allen möglichen Erweiterungen, dann «siehst» du die Akkorde in den Noten sofort und das Erkennen und Aufschreiben wird zum Kinderspiel.

Schau dir dieses Notenbeispiel an:

Noten in Akkorde umwandeln Beispiel ohne Akkorde

Die Tonart ist offensichtlich C-Dur, weil keine Vorzeichen oder Versetzungszeichen vorkommen. Aber Akkorde sind nicht notiert. Das ändern wir gleich.

→ mehr zu Tonarten hier: Tonarten und Vorzeichen – wofür sind sie gut?

In der Tonart C-Dur können folgende Stufenakkorde vorkommen:

  • C-Dur (notiert C), bestehend aus den Tönen C + E + G
  • D-Moll (notiert Dm), bestehend aus den Tönen D + F + A
  • E-Moll (notiert Em), bestehend aus den Tönen E + G + H
  • F-Dur (notiert F), bestehend aus den Tönen F + A + C
  • G-Dur (notiert G), bestehend aus den Tönen G + H + D
  • A-Moll (notiert Am), bestehend aus den Tönen A + C + E
  • H vermindert (notiert Bdim), bestehend aus den Tönen H + D + F

→ mehr zu Stufenakkorden hier: Stufenakkorde besser verstehen und nie mehr vergessen

→ mehr zum Aufbau von Akkorden hier: Akkorde lernen am Klavier, Grifftabelle

Jetzt kannst du die Noten von links nach rechts analysieren.

Im ersten Takt haben wir in der ersten Hälfte des Taktes nur Töne C, E und G; erst auf den dritten Schlag kommen andere Töne vor. Das sieht ganz nach dem Akkord C-Dur aus.

In der zweiten Hälfte kommen nur die Töne D, F und A vor – scheint ein D-Moll zu sein.

Noten in Akkorde umwandeln Beispiel mit C und Dm

Soweit so gut.

Anfangs Takt zwei wird es schwieriger. Die Töne C und E deuten auf einen C-Dur hin, aber der Ton G fehlt. Das macht aber nichts, weil der dritte Ton des Dreiklangs (die «Quint») ist kein wichtiger Akkordton. Die Töne C und E (auch ohne G) klingen bereits nach einem C-Dur Akkord.

Ab jetzt sehe ich zwei Varianten, Takt zwei zu deuten.

Variante 1:

Was ist mit dem Ton H in der linken Hand? Dieser Ton ist ein Übergangston, kommt nur ganz kurz vor, ist weder betont noch kommt er auf den Schlag – dieser Ton wird bei der Akkordanalyse ignoriert.

Auf den zweiten Schlag haben wir ein D und ein A – das könnte ein D-Moll sein, obwohl ein wichtiger Ton fehlt (das F). Ohne Kontext könnte man nicht sagen, ob das ein D-Moll oder ein D-Dur ist, da der mittlere Ton, der das «Geschlecht» des Akkords bestimmt, nicht vorhanden ist. Wir haben aber eine Melodie vor uns, die von A bis Z in der Tonart C-Dur geschrieben ist, somit wissen unsere Ohren, dass der D-Akkord hier ein Moll-Akkord ist. Das Geschlecht ist sozusagen «implizit» in der Tonart drin versteckt.

Der Ton C in der rechten Hand wird wieder als Übergangston ignoriert.

Wir landen bei einem G-Dur-Akkord bestehend aus den Tönen G und H.

Notenbeispiel mit Akkorden Variante 1

Variante 2:

Wir schauen bis auf den ersten und letzten Ton alle Töne als Übergangstöne an und ignorieren sie. Wir notieren also nur den Anfangsakkord C und den Schlussakkord G. Der Rest passiert so schnell, dass der genaue Inhalt keine grosse Relevanz hat.

Notenbeispiel mit Akkorden Variante 2

Versuch jetzt das Notenbeispiel selbst auf dem Klavier zu spielen und mache dir bewusst, was die Akkord-Notation für einen Unterschied macht. Die Melodie fühlt sich anders an, sogar die beiden Varianten «klingen» in meinen Ohren anders, je nach dem wie ich die Akkorde dazu «denke».

Was hat Chopin für Akkorde geschrieben?

Chopin hat im 19. Jahrhundert gelebt, als es noch keine Akkord-Notation gab. Komplexe Jazz-Akkorde wurden erst Anfangs 20. Jahrhundert notiert. Trotzdem war er bereits unglaublich versiert und konnte Stücke schreiben, die ausserordentlich komplexe Harmonien beinhalten.

Um zu verstehen, was sich Chopin damals überlegt hat, können wir heutzutage auf die aktuell weit verbreitete Akkord-Notation zugreifen und damit wunderschöne Zusammenhänge entdecken, die in blosser Notenschrift nicht erkennen lassen.

Schauen wir uns die ersten paar Takte des berühmten Cis-Moll-Walzers an.

Noten in Akkorde umwandeln anhand Chopin-Walzer

Wir befinden uns in der Tonart Cis-Moll, was auch an den Vorzeichen sichtbar ist.

Das Pedal verrät uns glücklicherweise ziemlich genau, wie lange ein Akkord jeweils dauert. Eine Pedal-Periode heisst in der Regel: der Akkord ist für die Dauer der Periode derselbe.

Takt 1:

Ein C#m-Akkord, überall nur die Töne C#, E und G# – Chopin fängt mit der ersten Stufe an.

Takt 2:

Die ersten Versetzungszeichen deuten darauf hin, dass der Akkord wohl nicht in der Tonart ist. Die Töne, die hier vorkommen sind D#, F## (G), A# und C# – das sind die Töne des Akkords D#7 – Chopin spielt eine Zwischendominante. Die Zweite Stufe als Dur-Akkord mit einer 7 zu spielen ist ein weit verbreiteter Trick, um durch eine Quintfall-Auflösung zur fünften Stufe zu gelangen.

→ Mehr dazu hier: Zwischendominante einfach erklärt

Takt 3:

Tatsächlich landen wir hier auf der fünften Stufe – Chopin spielt ein G#7, erweitert mit einer b9. Die Töne von diesem Akkord sind G#, H# (C), D#, F#, A

→ Mehr zum 7b9-Akkord hier: Dramatik des Dominantsept-Akkords

Takt 4:

Hier passiert etwas spannendes. Wenn wir den ersten Ton (Das C# im Bass) mal noch wegdenken, macht alles andere Sinn: Die Töne vor dem letzten Schlag sind wieder wie im Takt vorher, d.h. wir bleiben einen Moment lang auf der fünften Stufe mit dem erweiterten G#-Akkord und auf den dritten Schlag löst sich dieser, wie erwartet (siehe Quintfall-Auflösungen) in einen C#-Moll-Akkord auf, mit den Tönen C#, E und G#.

Aber was ist mit dem C# im Bass am Anfang des Taktes? Zuerst dachte ich, dass er den Akkord G#7 (vom Vortakt) schon mal auflöst – und zwar in die minimale Variante des C#m-Akkords, mit nur einem Ton. Aber wenn ich mir das Stück dort anhöre, hört es sich nicht nach einer Auflösung an. Alternativ hätte es eine Alterierung des G#7-Akkords sein können, denn das C# würde den G#7-Akkord zu einem G#7sus4 machen. Aber ich höre hier auch keinen typischen sus4-Klang.

Was Chopin hier macht ist etwas, was nicht so oft gemacht wird: Er greift vor. Er spielt den Grundton des aufgelösten C#m-Akkords zwei Schläge zu früh und «vermischt» somit die Harmonien. Das trägt meiner Meinung nach zum etwas «verträumten» Klang des Stücks bei. Tatsächlich ist dies nicht die einzige Stelle, an der er diesen Trick anwendet.

Takt 5:

Wir haben einen A-Dur-Akkord, bestehend aus den Tönen A, C# und E. Als unterster Ton spielt er hier bewusst nicht ein A, sondern ein E – deswegen schreiben wir auch A/E.

→ Mehr dazu hier: Slash-Akkorde auf dem Klavier

Takt 6:

Er macht es schon wieder! Ohne den untersten Ton E würde alles Sinn machen: Er spielt die Töne F#, A, D# und H# (C) – sie ergeben einen vollverminderten Vierklang A°7, der im nächsten Takt dann in einen E-Dur-Akkord aufgelöst wird.

→ Mehr zu verminderten Vierklängen: Verminderter Septakkord – Aufbau und Anwendung

Das E greift tatsächlich vor, diesmal einen ganzen Takt lang, denn der E-Dur-Akkord kommt erst im folgenden Takt.

Du siehst, die Akkordanalyse von Chopin hat eine gewisse Komplexität! Aber sie hilft ungemein, die Musik besser zu verstehen. Zudem macht das Verständnis über die Harmonien im Stück die Chance, falsche Töne zu spielen, viel kleiner und erleichtert das Auswendig-Lernen um Einiges.

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Artemi

Als Klavierlehrer ist Artemi leidenschaftlich dabei, das Know-How um das freie Klavierspiel für alle Tastenbegeisterte frei zugänglich zu machen. Jede und jeder soll Klavier spielen lernen können – kostenfrei und unkompliziert. > mehr über Artemi

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