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Stufenakkorde besser verstehen + nie mehr vergessen

In diesem Artikel geht es um Stufenakkorde und darum, wie du sie dir besser merken kannst. Wenn du dich fragst: Was sind Stufenakkorde überhaupt? Dann lies hier weiter:

Zur Erinnerung: Es gibt in jeder Tonart 7 Stufenakkorde, die man meistens von Dur aus – aber manchmal auch von Moll aus – zählt. Zum Beispiel sind das hier die 7 Stufenakkorde der Tonart C-Dur:

Stufenakkorde C-Dur

Dieselben 7 Akkorde könnte man von Am aus nummerieren:

Wenn du mit Stufenakkorden anfängst, hast du keine Orientierung: Die Bezeichnungen I bis VII sind blosse Zahlen und die Dreiklänge sehen alle gleich aus. Mit der Zeit entwickelst du für jede Stufe eine Art «Rolle», die sie spielt. Man spricht in der Musiktheorie oft von «Funktion», wobei es mehr als nur um die reine Funktion geht.

Die Stufen einer Dur-Tonart

Stufe I – der Grund-Akkord

Über die Stufe I müssen wir nicht sprechen, sie definiert die Tonart und bildet meistens den Abschluss einer Akkordfolge. Sie ist unser Anker: Die anderen Stufen denken wir von Stufe I aus. In der Tonart C-Dur zum Beispiel, ist der Akkorde der Stufe I ein C-Dur-Akkord.

Stufen IV und V – die «anderen zwei»

Stufen IV und V sind die anderen zwei Dur-Akkorde der Tonart. Mit denen baut man die perfekte Kadenz zusammen – die Akkordfolge I IV V I, aus der ein Grossteil aller Folksmusik, Klassik, Pop und Blues besteht.
Beispiel in C-Dur:
C F G C

Das spezielle an der Stufe V ist, dass sie zur ersten Stufe aufgelöst werden kann. Während der letzte Akkord eines Lieds meistens Stufe I ist, ist der zweitletzte meistens Stufe V.
Beispiel: Ein typisches Lied-Ende in C-Dur ist:
G C

Die Stufen IV und V sind die am weitesten entfernten Stufenakkorde (von Stufe I aus), sie liegen sozusagen in der Mitte der Oktave. Für mich sind sie vor allem «die anderen zwei Dur-Akkorde». Um diese Stufen zu verinnerlichen, empfehle ich dir den 12-Takt-Blues in verschiedenen Tonarten zu spielen.

Stufe vi – die Moll-Parallele

Die stufe vi entspricht der jeweiligen Parallel-Tonart – es ist quasi das Moll-Pendant. In C-Dur zum Beispiel ist die Stufe vi = A-Moll.

Der Grundton dieses Akkords liegt immer eine kleine Terz unter dem Grundton der ersten Stufe:

Wenn man die Stufen von Moll aus zählt, dann wird diese Stufe mit einer Eins (i) bezeichnet und wir zählen alle Stufenakkorde von hier aus. Siehe dazu auch die Dur-/Moll-Stufenakkorde-Übersicht.

Stufe vii° – die «komische»

Neben drei Moll-Stufen und drei Dur-Stufen hat jede Tonart noch einen verminderten Dreiklang. Er hat als eigenständiger Stufenakkord relativ wenig Relevanz, weil er sehr an den Septakkord auf der fünften Stufe erinnert. Das macht Sinn, denn er besteht (bis auf den fehlenden Grundton) aus denselben Tönen, wie der letztere.
Beispiel in C-Dur:
Stufe V = G-Dur = G + H + D
Stufe V7 = G-Dur-7 = G + H + D + F
Stufe vii° = H-vermindert = H + D + F

Stufe ii – der «Jazz-Akkord»

Der Akkord gerade über der ersten Stufe ist ein Moll-Akkord. Meine erste Assoziation damit ist, dass er die Jazz-Kadenz einleitet: Die – nicht nur in Jazz – extrem weit verbreitete Akkordfolge ii → V → I fängt mit der zweiten Stufe an.

Du kannst also von der zweiten Stufe aus sofort einen «Turn-Around» einleiten, indem du zur fünften Stufe wechselst und sie dann zur ersten Stufe auflöst:
Beispiel in C-Dur:
Stufe ii = Dm
Stufe V = G

Jazz-Kadenz / Turn-Around: Dm → G7 → C
Die zweite Stufe wird oft von Moll zu Dur verändert, um die Spannung des darauf folgenden Akkordwechsels zu verstärken. Sie wird dann zur Zwischendominante zur fünften Stufe hin.
Beispiel in C-Dur:
Stufe ii = Dm
Stufe II7 = D7 (passt nicht mehr in die Tonart, aber als Zwischendominante möglich)
Stufe V = G

Jazz-Kadenz / Turn-Around mit Zwischendominante auf Stufe II: D7 → G7 → C

Stufe iii – die «langweilige»

Die dritte Stufe ist ebenfalls ein Moll-Akkord, der jedoch erstaunlich selten benutzt wird. Man könnte sagen, der Akkord hat einen «uninteressanten» Klang. In Dur-Akkordfolgen wirst du ihn relativ selten antreffen. Manchmal wird dieser Akkord zu Dur alteriert, um einen Wechsel zur Paralleltonart (in Moll) zu veranlassen:
Beispiel in C-Dur:
Stufe iii = Em
Stufe III7 = E7 (passt nicht mehr in die Tonart, aber als Zwischendominante möglich)
Tonartwechsel von C-Dur zu A-Moll:
C → E7 → Am

Die Stufen einer Moll-Tonart

Wenn du in einer Moll-Tonart bist, macht es Sinn, sich der Moll-Nummerierung klar zu werden, denn die Nummern haben Funktionen. Die Akkorde sind alles dieselben, aber ihr «Bedeutung» ist eine andere. Eine Übersichts-Tabelle zu den verschiedenen Nummerierungen findest du hier: Dur-/Moll-Stufenakkorde-Übersicht.

Stufe i – der Grundakkord

Derselbe Akkord wie die Stufe vi von Dur aus. In der Tonart A-Moll wäre z.B. die Stufe i = Am.

Stufe III – die Dur-Parallele

Die Beziehung der Stufe III zur Stufe i in Moll ist dieselbe wie oben bei «Stufe vi» beschrieben. Von dieser Stufe aus werden in Dur die Stufenakkorde gezählt. Die vi in einer Dur-Tonart ist die i in Moll (oben beschrieben); genauso ist die III in Moll = die I in Dur.
Beispiel:
In C-Dur ist…
C = Stufe I
Am = Stufe vi
In Moll ist…
Am = Stufe i
C = Stufe III

Zusätzlich zu den verschiedenen Rollen habe ich auch zu allen Stufenkombinationen Liederbeispiele im Kopf. Wenn ich an Am und C denke, kommen mir zum Beispiel die folgenden Lieder in den Sinn:

Stufe v bzw V

Die Stufe V ist auch in Moll die wichtigste, weil damit eine Quintfallauflösung zur ersten Stufe hin möglich ist. In Moll-Tonarten (im Vergleich zu Dur) ist die fünfte Stufe aber ein Moll-Akkord, und ein Moll-Akkord hat zu wenig Spannung, um eine richtige Auflösung zu bewerkstelligen. Die Lösung nennt sich «harmonisch Moll».

Stufe ii° – die «jazzige»

Die oben erwähnte Jazz-Kadenz gibt es auch in Moll, und auch in Moll sind die Stufen «zwei – vier – eins». Die Zahlen beziehen sich hier aber auf die von Moll aus gezählten Akkorde und deswegen ist die zweite Stufe nicht mehr Moll, sondern vermindert. Dieser Akkord war in der Dur-Aufzählung der «komische», im Moll-Kontext ist er aber alles andere als komisch: Er leitet den Moll-Turn-Around ein.
Beispiel A-Moll:
Stufe i = Am
Stufe ii° = Hdim
Stufe V = E (zu Dur alteriert, verändert den Moll-Modus zu «harmonisch Moll»)
Jazz-Kadenz / Turn-Around: Hdim → E7 → Am

Stufe iv – der «Plan B»

So wie in Dur, ist auch in Moll die vierte Stufe eine Art Ausweg aus der Langeweile. Wenn du ein Lied komponierst und auf dem Grundakkord (Stufe I bzw. i) anfängst, schreibst du ein paar Zeilen im Grundakkord und willst früher oder später einen Wechsel erfahren. Immer auf einem Akkord bleiben wird langweilig. Der klassischste Weg, dieser Monotonie zu entfliehen ist: zur vierten Stufe wechseln. Genau das passiert z.B. im Blues nach den ersten vier Takten. Dieser Trick funktioniert in Dur wie in Moll.

Oft geht man in Stücken auch zur vierten Stufe, um den Beginn des Refrains zu markieren, wie zum Beispiel bei Blowing in the Wind von Bob Dylan. Der Wechsel funktioniert, weil der Sprung von I zu IV einem Quintfall entspricht. Das erzeugt den Eindruck, als hätte man schon lange auf diesen Akkord gewartet.

Stufen VI und VII

Das sind die beiden Dur-Akkorde «unterhalb» des Grund-Akkords. In A-Moll zum Beispiel ist der Grund-Akkord Am, und die beiden Dur-Akkorde darunter sind F und G.

Die beiden Akkorde haben eine mächtige «aufbauende» Wirkung, als würden sie zum Grund-Akkord hinführen. Versuche sie nacheinander zu spielen, zum Beispiel F → G → Am, und du wirst merken, was ich meine. Wenn du sie abwärts spielst – z.B. Am → G → F – klingen sie ähnlich kraftvoll. Einige Lieder, besonders im Rock-Genre machen davon Gebrauch. So besteht zum Beispiel das berühmte Intro von Eye of the Tiger nur aus diesen Akkorden:
Eye of the Tiger Intro:
Am
Am G Am
Am G Am
Am G F

Manchmal nutzt man auch nur einen dieser Akkorde, die Stufe VII (in A-Moll wäre das der G-Dur-Akkord). Es gibt sogar zahlreiche Lieder, die nur aus den beiden Akkorden der Stufen i und VII bestehen, vor allem in der Folksmusik und im Pop/Rock. Berühmte Beispiele sind Lady in Black als Rock-Klassiker der 70er Jahre und Rocky Road to Dublin als irischer Standard.

Solche Lieder haben so zu sagen zwei «Spuren». Sie wechseln hin und her zwischen dem Moll-Akkord (Stufe i) und dem Dur-Akkord (Stufe VII) und kreieren auf diese Art eine extrem simple, aber wirkungsvolle Balladen-Atmosphäre.

Artemi

Als Klavierlehrer ist Artemi leidenschaftlich dabei, das Know-How um das freie Klavierspiel für alle Tastenbegeisterte frei zugänglich zu machen. Jede und jeder soll Klavier spielen lernen können – kostenfrei und unkompliziert. > mehr über Artemi

Dieser Beitrag hat 6 Kommentare

  1. Andrea

    Hallo Artemi – ich versuche die Sache zu verstehen und die Erklärungen sind eigentlich schon weit über meinem Stand, aber finde nichts, was meine grundlegende Frage beantwortet:

    Was ich nicht verstehe ist; warum (aus Sicht C-Dur) werden die Stufen in "Dur, Moll, Moll, Dur, Dur, Moll, vermindet" angeordnet. Warum spiele ich nich C, D, E..Dur sondern C, Dm, Em, F… wenn man sich die Noten anschaut, sieht das ganz logisch aus, einfach immer alles eins hoch, aber ich kann eigentlich keine Noten lesen und versuche das für die Gitarre zu verstehen. Welche logik steht dahinter einmal eine kleine, einmal eine grosse Terze zu nehmen.
    Kannst du mir hier ein Antwort geben (sorry bloody beginner)

    1. Artemi

      Liebe Andrea
      Die Konfiguration der Akkorde wird von den Abständen in der Dur-Tonleiter abgeleitet. Und diese Abstände wiederum sind historisch entstanden und meines Wissens relativ willkürlich gewählt. Hat vermutlich ästhetische Gründe gehabt irgendwann mal… was man zu einer bestimmten Zeit für "schön" gehalten hat. Wenn du die Mechanik davon besser verstehen willst, hilft vielleicht dieser Artikel: https://klavierkrani.ch/stufenakkorde-dur-moll-uebersicht-tabelle/

  2. Gordon Achenbach

    Super! Eine schlüssige und vor Allem nachvollziehbare Erklärung mit Songbeispielen, wie ich es in über 40 Jahren als Musiker noch nie gesehen habe. SO macht Stufentheorie Spaß, weil sich die wichtigen Zusammenhänge anschaulich erklären. TOP!

    1. Artemi

      Ich danke dir.

  3. Ulrike Buschmann

    Dankeschön – soooo gut erklärt und auf den Punkt gebracht, wirklich sehr hilfreich!

    1. Artemi

      Freut mich, danke Ulrike!

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