Hände unabhängig bewegen? Worauf es wirklich ankommt – KlavierKranich

Hände unabhängig bewegen? Worauf es wirklich ankommt – KlavierKranich

  • Beitrags-Kategorie:Lernen & Methodik
  • Lesedauer:4 min Lesezeit

Bei versierten Klavierspieler*innen sieht es oft so aus, als würden sie ihre beiden Hände unabhängig voneinander bewegen können. Man kriegt den Eindruck, die Unabhängigkeit der Hände sei eine Voraussetzung, um sich an das Stück zu wagen – vorallem beim Anblick der Noten von schwierigen Stücken. Daraus entsteht bei vielen Neueinsteigern der Eindruck, dass «Hände unabhängig bewegen» eine Fähigkeit ist – oder gar ein Talent. Heute lösen wir diesen Mythos auf und lernen stattdessen, wie wir Klavier beidhändig spielen lernen können, ohne die «Unabhängigkeit der Hände» üben zu müssen.

Hände unabhängig bewegen wäre Multitasking

Unser Gehirn ist des Multi-Taskings nicht fähig. Wir können nicht «mehrspurig fahren» und zwei (oder mehr) Dinge gleichzeitig ausführen. Wir können mehr oder weniger schnell zwischen verschiedenen Tasks hin und her wechseln, um uns Mehrspurigkeit vorzutäuschen – etwa mit Kochen, Telefonieren, Facebook-Checken und Lesen. In Wahrheit finden die Tasks nicht parallel statt, sondern verstückelt hintereinander.

Klavier beidhändig spielen lernen funktioniert anders

In Wahrheit haben Klavier-Virtuos*innen also nicht die «Unabhängigkeit der Hände» geübt, sondern im Gegenteil – die Abhängigkeit. Oder besser gesagt den Zusammenhang der Hände. Denn, wie die verstückelten Mini-Tasks beim scheinbaren Multitasking, so verstückelt unser Gehirn beim Klavierspiel die Notenabfolgen. Es klingt für uns wie zwei parallele Melodien, eine Melodie von der linken und eine von der rechten Hand gespielt, aber fürs Gehirn ist es eine Abfolge aus Zusammenhängen zwischen linker und rechter Hand.

So sieht unser Motorik-Hirn die Musik

Schauen wir uns das Klavierstück des ultra-bekannten Films fabelhafte Welt der Amelie an. Für den musikalischen Ausdruck sehen wir sofort einen Melodiebogen in der rechten Hand, der zwei Doppel-Phrasen spielt mit je einem «Ta-da-dam, Ta-da-daam». Bei der linken Hand sind es Achtel-Noten, die wie ein Uhrwerk immer dasselbe Muster wiederholen.

Hände unabhängig bewegen: Amelie 1Für Anfänger*innen wäre jetzt fatal, zu denken, dass es darum geht, das Uhrwerk der linken Hand und die Melodiebögen der rechten Hand unabhängig voneinander spielen zu können. Es geht hier darum, das Stück so anzuschauen, wie es das Gehirn anschaut – als einspurige Sequenz.

Hände unabhängig bewegen: Amelie 2Überall, wo die grünen Linien eingezeichnet sind, spielen die linke und die rechte Hand gleichzeitig einen Ton. An allen anderen Stellen spielt entweder die linke oder die rechte Hand alleine. Es ist hilfreich, sich das beim Üben zu veranschaulichen, weil das Stück danach so geübt werden kann, wie es das Gehirn sowieso lernt (weil es gar nicht anders kann).

Hände unabhängig bewegen in drei Schritten

Als erstes musst du die linke und die rechte Hand alleine lernen. Das ist ein linearer Prozess in sich, du lernst eine Passage, z.B. diese zwei Takte, und gewöhnst dich an die Töne, den Rhythmus und die Fingersätze.

Als zweites lernst du die «Abhängigkeit» der Hände und zwar so: Wenn du das Stück unerträglich langsam spielst, dann haben deine Hände die Chance, an der richtigen Stelle zusammen zu spielen (grüne Linien). So bilden sich Verbindungen im Gehirn: Du lernst die Zusammenhänge zwischen den Tönen der linken und der rechten Hand.

Als drittes kommt dein Ausdruck in der Musik: Nachdem du die Zusammenhänge hergestellt hast und die zwei Takte im richtigen Rhythmus spielen kannst, kannst du mental wieder in die Zweispurigkeit wechseln. Du arbeitest ab dann nicht mehr an der Koordination der beiden Hände und auch nicht daran, die richtigen Töne zu spielen, sondern mehr an der Dynamik und am Ausdruck. Übrigens habe ich ein paar Tipps für dich, wie du mit mehr Ausdruck spielen kannst.

Artemi

Als Klavierlehrer ist Artemi leidenschaftlich dabei, das Know-How um das freie Klavierspiel für alle Tastenbegeisterte frei zugänglich zu machen. Jede und jeder soll Klavier spielen lernen können – kostenfrei und unkompliziert. > mehr über Artemi

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Regina

    Hallo Artemi,
    Dein Artikel über das Zusammenspiel beider Hände lässt mich endlich begreifen, wie man es richtig angehen muss, nämlich ein Stück unerträglich langsam zu spielen.
    Ich habe bereits zwei andere Online-Kurse gekauft, bevor ich auf Dich aufmerksam wurde und kann nicht immer noch mehr Geld ausgeben.
    Bei Dir habe ich zum ersten Mal den Quintenzirkel kapiert.
    Ich freue mich auch weiterhin auf Deine Mails.
    Vielleicht steige ich irgendwann noch bei Dir ein.
    Liebe Grüße
    Regina

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